14.05.2026
Grünkäppchen im Himmel

Grünkäppchen, der junge Mann mit der gehäkelten, grasgrünen Mütze aus Grünenwulsch, kam abgekämpft und ausgepumpt von der Arbeit nach Hause. 

Es war ein langer Tag in der Stadt gewesen mit viel Arbeit und vielen Erlebnissen. Am meisten hatte ihn der Wahlkämpfer mit seinem Geschwafel von „Remigration“ geärgert. Der wusste nicht mal, dass die Pfarrer in den Nachbardörfern aus dem Ausland zugezogen waren, und dass Fachkräfte nun mal nicht auf Bäumen wachsen.

Nach dem Abendessen mit Döner und einem Glas Prosecco fiel Grünkäppchen in einen tiefen Schlaf.

An der Himmelspforte erwarteten ihn Martin Luther höchstpersönlich und sein lebensfröhlicher Kumpel Gerhard, der vor ein paar Jahren gestorben war. Herzlich Willkommen. Grünkäppchen verstand die aramäischen Worte des Petrus, der hinter Luther stand, zwar nicht, bis auf das Wort „Shalom! / Frieden!“. Aber Gerhard sagte freudig lächelnd: „Willkommen in Gottes Ewigkeit! Komm, wir gehen gleich hier durch das Stadttor des himmlischen Jerusalems. Das Fest ist schon in vollem Gange.“ Alle freuen sich auf dich.

Grünkäppchen wurde an eine sehr, sehr lange Hochzeitstafel geführt. Am oberen Ende, in himmlisches Licht gehüllt, stand Jesus selbst. Er hatte die Arme freundlich lächelnd ausgebreitet und blickte voller Güte auf seine Gäste. Neben ihm standen der Apostelfürst Petrus und Katharina Luther die „Pax vobiscum!“ sagten. Soviel Latein konnte Grünkäppchen, dass er das „Friede sei mit Euch!“ verstand. An der anderen Seite standen der Apostel Paulus und Bischöfin Rosemarie Köhn, die: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sei mit euch allen!“ sagten. 

Am langen Abendmahlstisch, der bis in die Kirchen der Welt reichte, saßen Menschen aus allen Kontinenten, Kulturen und Konfessionen. Es war ein fröhliches Stimmengewirr wie auf dem Marktplatz in Babel und überall wurden Brot und Wein geteilt. Sprachbarrieren spielten keine Rolle. Die Sprache der Kirche im Himmel und auf Erden ist Liebe! Ja! Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm (1.Joh 4,16). Es würde viel Zeit in Anspruch nehmen mit dem Kennenlernen aller Gäste. Aber in der Ewigkeit? Und mit Liebe und Geduld?

Grünkäppchen erwachte und blickte zu seiner Konfirmationsurkunde an der Wand des Schlafzimmers. Die Urkunde hing zwischen dem schwarz-gelben Schal des norwegischen Fußballclubs Bodö Glimt und dem Aufkleber „Atomkraft? Nein danke!“. Auf dem Dokument war Jesus abgebildet, mit Hirtenstab und einem kleinen schwarzen Lämmchen. Unter dem Bild stand Grünkäppchens Konfirmationsspruch: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt 11,28)“ Ja, er fühlte sich erquickt. Und von den „Remigration-sagern“ würde er sich nicht kopfscheu und unsicher machen lassen. Fremde sind Freunde, die man noch nicht kennengelernt hat! Das hatte er in seinem himmlischen Traum gelernt.

von Stefan Kemper-Kohlhase (ev. Pfarrer in Kläden)