17.05.2026
Worte aus der Kirche zum 17.5.2026

Was ein Dorf trägt, steht selten groß angeschrieben. 

Es hat keine Leuchtreklame und meistens auch kein Amtsschild. Es hat Hände, die anpacken. Schlüssel, die herumgereicht werden. Kuchenbleche, die wieder abgeholt werden müssen. Sitzungen, bei denen einer noch bleibt, obwohl zu Hause längst anderes wartet. Und manchmal nur diesen einen Satz: „Ich schau morgen noch mal vorbei.“

Ich lebe in Schönhausen. Wer hier wohnt, weiß: Vieles funktioniert nicht, weil es perfekt organisiert ist. Es funktioniert, weil Menschen sich zuständig fühlen, ohne erst einen Vertrag dafür zu brauchen. In Vereinen, bei der Feuerwehr, in der Nachbarschaft, in der Kirche. Das klingt unspektakulär. In Wahrheit ist es eine Kulturleistung.

Am Sonntag hören katholische Christinnen und Christen im Evangelium, wie Jesus für die Menschen betet, die ihm anvertraut sind. Anvertraut — das ist ein starkes Wort. Es ist mehr als „zuständig“. Zuständig kann man auch mit Abstand sein. Anvertraut ist man nur mit Beziehung. Da geht es nicht um Kontrolle, sondern um Sorge. Nicht um Besitz, sondern um Verantwortung.

Unsere Gesellschaft diskutiert viel darüber, was alles nicht mehr hält: Vertrauen, Respekt, Zusammenhalt. Das ist nicht falsch. Aber mitten darin gibt es Menschen, die jeden Tag das Gegenteil tun. Sie halten etwas. Einen Kontakt. Eine Aufgabe. Ein Versprechen. Einen Menschen.

Der christliche Glaube nennt das Nächstenliebe. Andere nennen es Gemeinsinn, Anstand oder Menschlichkeit. Am Ende entscheidet nicht das Wort, sondern die Praxis.

Wer sich einem anderen zuwendet, widerspricht der Gleichgültigkeit. Leise, aber wirksam. Am Gartenzaun. Im Verein. Am Krankenbett. Beim Abendbrot mit den Kindern. Dort bekommt Zusammenhalt ein Gesicht.


Julia Modest, 
katholische Gemeindereferentin der Region Altmark