21.06.2026
Worte aus der Kirche zum 21.6.2026

Mit anderen Augen sehen…

Zwei junge Frauen aus der Schweiz waren als Teil ihrer Pflegeausbildung zu Gast im Hospiz. Mit Herzklopfen kamen sie für wenige Tage: Hineinschnuppern, Kennenlernen, Neues entdecken. Ich setzte mich nach zwei Tagen mit ihnen zusammen, hörte ihre Eindrücke und war überrascht: Sehr fein nahmen sie wahr, was Gäste im Hospiz oder deren Angehörige bewegte und ebenso, was die Mitarbeitenden herausforderte, aber auch was ihnen Kraft gab. Nach wenigen Tagen nahmen die beiden einen tiefen Eindruck mit, der ihr bisheriges Bild von Pflege veränderte. Sie sagten: „Hier im Hospiz, hier in den letzten Tagen des Lebens erlebten wir viel Dankbarkeit und Ehrlichkeit. Da fallen die Masken vieler Menschen“. Erfüllt fuhren sie davon.

„Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat. Der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen. Der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit“. So beschreibt der Psalm 103 eine Haltung der Dankbarkeit und des Vertrauens. In der biblischen Überlieferung finden sich Worte, die unseren Alltag durchbrechen, unsere Sicherheiten durchkreuzen aber auch die Spiralen der Angst auflösen und das Herz weit öffnen können.

Dieses Geheimnis des Lebens durchzieht die Menschheit seit Jahrtausenden trotz und wegen aller menschengemachten Gewalt, trotz Neid und Streit. Das Wissen darum, dass am Ende nicht entscheidend ist, wieviel ich Gewinn gemacht habe, wie oft ich mich durchgesetzt habe, sondern am Ende geht es nur darum, wie blicke ich auf mein Leben und die Tage, die ich nicht mehr zurückdrehen kann, zurück. 

Jeder Sonntag ist die Chance, das Leben mit anderen Augen – den Augen Gottes - zu sehen.

Da ist der andere Blick, der Blick von außen, der mein Leben mit seinen Höhen und Tiefen, Erfolgen und Schuld ansieht und mir Vergebung zuspricht. Da ist jener Moment, wo Gnade und Barmherzigkeit wie eine Krone des Lebens alles umhüllen und aushalten. Manche verbinden das mit der Taufe: Herausgehoben werden aus allem Schweren und Drückenden - ein für allemal. Andere spüren diese Wertschätzung, dieses Angenommensein in der Gemeinde oder einer kleinen Gruppe – nicht ständig, aber immer mal wieder als Leuchtturm ihres Lebens. Und für noch andere bleibt es eine tiefe Sehnsucht, die sich noch nicht erfüllt hat - aber doch einmal wahr werden wird.

Die beiden Schweizerinnen spiegelten, was sie erlebten. Sie öffneten uns Mitarbeitenden wieder einmal die Augen und bestätigten, was wir selbst so oft erfahren: Zuwendung, Dankbarkeit und Respekt krönen das Leben. Und manchmal nehmen wir Mitarbeitenden davon etwas mit in unseren Alltag.

Es geht nicht um Bestimmen und Erfolg, nicht um Macht und Durchsetzung. Sondern um das Menschsein, geliebt zu werden und angenommen zu sein, so wie ich bin trotz meiner Schwächen und Fehler. Manchmal erfahren dies Menschen als kostbares Geschenk in den letzten Lebenstagen, aber noch kostbarer ist es, wenn wir diese Haltung einbringen können in das tägliche Miteinander. Wenn der andere spürt „du bist ein Geschenk“, wenn jemand „danke“ sagt statt „das steht mir zu“.

Wir haben die Chance, dieser Krone Raum zu geben in unserem Leben abseits von Streit, Machtfragen, Neid und Gewalt. „Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.“

 

Ulrich Paulsen, Pfarrer i.R.