26.07.2026
Worte aus der Kirche zum 26.7.2026
Ein offenes Ohr
Vor ein paar Ausgaben habe ich an dieser Stelle den Fussball als positives Beispiel herangezogen. Ich schrieb, dass am Ende gilt, was der Schiedsrichter pfeift. Dieser Text ist sehr schnell sehr schlecht gealtert. Ein Anruf genügte.
Zum Glück hatte dieser Übergriff am Ende keine praktischen Folgen. Die USA schieden trotzdem aus. Das war für die gefühlte Gerechtigkeit eine Genugtuung. Und doch hatte es Folgen.
Werden gemeinsame Spielregeln ohne Konsequenzen übergangen, entziehen Menschen Vertrauen, Wohlwollen und Energie. Das Miteinander zerbricht. Im Fussball ist das ärgerlich. Es tut mir vor allem für die Fans leid, denen dieser Sport so viel mehr bedeutet.
Schwerer wiegen solche Erfahrungen im Blick auf unser Miteinander. Mich bewegt der Gedanke, dass viele von uns irgendwann innerlich aus unserer Gesellschaft ausgestiegen sind. Menschen erleben, wie gemeinsame Regeln, Verträge und Versprechen ohne Konsequenzen wiederholt gebrochen werden. Die innerliche Verbundenheit schwindet. Wiederholen sich diese Erfahrungen wird sie aufgekündigt. Die Menschen ziehen sich zurück. Jana Hensel schreibt in ihrem Buch „Es war einmal ein Land“ von der Allgegenwart familiärer Abbruchgeschichten und dass ostdeutsche Biographien oft um solche herumgebaut sind. Wohin mit diesen Erfahrungen? Ein innerer Ausstieg macht einsam. Ohne Verbindungen verkümmern wir. So trifft es Menschen doppelt: Regeln werden gebrochen und die Betroffenen kappen ihre Verbindungen.
Auch wir Pfarrerinnen und Pfarrer können die Probleme nicht lösen. Aber wir können Ihnen zuhören. Wir können schweigen. Wir können das uns Anvertraute, bei uns halten. Wir können mit Ihnen klagen und trauern. Und ja, natürlich können wir auch beten. Als Seelsorgerinnen und Seelsorger hören wir Menschen zu – auch wenn sie nicht Mitglied unserer Kirche sind. Bevor Sie Unrecht verstummen lässt, bevor es zu schwer wird, lassen Sie uns einen Teil davon mittragen.
Anders als Ihren Ortspfarrer, erreichen Sie die Telefonseelsorge an 24 Stunden, 7 Tage in der Woche. Unter 0800 1110111 oder www.telefonseelsorge.de finden Sie ein offenes Ohr.
Nutzen Sie die Angebote der Kirchen. Dafür sind sie da.
Pfr. Manfred Kiel, Schönhausen