05.04.2026
Worte zum Ostersonntag

Wenn das Leben einen neuen Weg findet

Es gibt Bilder, die bleiben im Gedächtnis. Kurz vor Ostern ein verirrter Wal am Oststrand. Ein gewaltiges Tier, geschaffen für die Weite des Ozeans, plötzlich gestrandet in flachen Gewässern, orientierungslos, geschwächt, umgeben von Menschen, die versuchen zu helfen – und doch nicht wissen, ob Rettung möglich ist.

Ostern erzählt auch von einem, der scheinbar am falschen Ort ist. Jesus am Kreuz – ausgeliefert, missverstanden, verlassen. Alles wirkt wie ein Irrweg. Als hätte sich das Leben verirrt. Als wäre da kein Weg zurück in die Weite, in die Freiheit, in das Leben selbst.

Und dann geschieht das Unfassbare: neues Leben bricht auf. Gott führt aus der Enge in die Weite – selbst dort, wo wir keinen Ausweg mehr sehen.

Vielleicht kennen wir solche Momente: Zeiten, in denen wir uns fühlen wie dieser Wal. Festgefahren, fehl am Platz, abgeschnitten von dem, was uns trägt. Die Orientierung verloren. Die Kräfte schwinden.

Ostern spricht genau hinein in diese Erfahrungen. Es sagt: Du bist nicht verloren. Auch wenn du dich verirrt hast oder das Leben dich an Orte geführt hat, an die du nie wolltest – Gott hat dich nicht aus dem Blick verloren. Seine Kraft reicht weiter als unsere Sackgassen. Sein Leben ist größer als unsere Grenzen.

Manchmal gelingt es, einen gestrandeten Wal zurück ins Meer zu führen. Manchmal nicht. Das gehört zur Ehrlichkeit unseres Lebens dazu. Ostern ist keine Garantie für ein problemloses Dasein. Aber es ist die Zusage, dass selbst dort, wo unsere Wege enden, Gott noch Möglichkeiten sieht.

Ostern lädt ein, neu zu vertrauen: dass das Leben stärker ist als der Tod, dass Licht auch die dunkelsten Orte erreicht, dass selbst ein verirrter Weg nicht das letzte Wort hat.

Und vielleicht beginnt Hoffnung manchmal genau dort, wo wir sie am wenigsten erwarten.

Gesegnete Ostern.

Pfarrerin Rebekka Prozell, Jerichow