10.10.2021
Das Wort zum Sonntag dem 09.10.2021

Große Erwartungen – an mich und andere?

Wir kamen ins Gespräch, obwohl wir uns gerade erst ein paar Minuten kannten. Dann sagt mein Gegenüber: „Wenn ich gesund bin, dann wird alles anders. Dann arbeite ich weniger und wende mich anderen zu. Jetzt, wo einem so manche Gedanken durch den Kopf gehen, ist mir klar, was in meinem Leben zu kurz kam.“ Er strahlte dabei eine Klarheit und Gewissheit aus, die überzeugend war. Tatsächlich kennen viele eine solche tiefe Sehnsucht besonders dann, wenn sie durch Krankheit oder andere Ereignisse in ihrem alltäglichen Erleben wachgerüttelt werden. Plötzlich sind Dinge in Frage gestellt, die vorher sicher schienen. Jetzt braucht es eine neue Ordnung im Leben. Die menschliche Sehnsucht sagt: „Ich möchte, dass es von jetzt auf gleich gelingt!“.

So klingt es im Innersten an: Wenn ich gesund bin… Wenn ich die Medikamente eingeworfen habe, dann muss es funktionieren. Wenn ich darum bitte, dann muss es erfolgen. Wenn die anderen erst mal…  Da ist die tiefe Sehnsucht, einfach den Schalter umlegen und dann wird das Leben wieder gut, dann ist das alles vorbei, was gerade so drückend ist.  

In Wirklichkeit ist das ein komplexes Geschehen. Da spielen wirtschaftliche Zwänge eine Rolle, Freunde und Bekannte, die ihre Meinung äußern. Da sind Bindungen, die man nicht verlieren will und Verpflichtungen, die zu erfüllen sind. Da sind gewisse genetische Vorgaben und da ist die eigene Bequemlichkeit. Gesund, ja heil werden, ist ein komplexes Geschehen zwischen Körper, Seele und Geist und allem, was darauf einwirkt.

Da, wo es wirklich von jetzt auf gleich geschieht, müssen wohl schon Kräfte des Himmels mit hineinwirken. Das sind besondere großartige Momente. Deshalb ist im Buch Jeremia überliefert „Hilf du mir, so ist mir geholfen.“ (Jer. 17,14) als Wochenspruch der neuen Woche oder im neuen Testament „Sprich nur ein Wort…“  (Mt.8,8).  Das ist wirklich eine großartige Erfahrung, wo jemand bekennt: „Solche Schutzengel haben mich getragen, dass plötzlich alles zum Guten gewendet ist. Gott sei Dank“. Wir nennen das oft Wunder. Und doch ist es meist ein langer Prozess der Umstellung, des Wachsens in neue Bedingungen hinein. Auch der Glaube lässt sich nicht auf ein Instrument reduzieren, mit dem es gelingt, sofort den Schalter um zu legen: Ich bete und bitte und dann wird es schon so werden, wie ich es will.

Monate später begegne ich einem ehemaligen Patienten wieder. Da kenne ich auch diese Reaktion: „Wissen Sie, es war gar nicht so einfach. Zuhause holten mich dann die Dinge des Alltags wieder ein. Ich hatte Mühe, aber ich habe manches davon umgesetzt, was ich mir im Krankenhaus vorgenommen habe. Ach ja, ganz gesund bin ich wohl noch immer nicht, aber besser geht es mir wirklich.“ Gesundwerden ist ein Prozess. Früher nannte man es Heilung. Es meinte dann auch, dass die Seele nachkommen muss, dass es seine Zeit braucht, mit den Einschränkungen klar zu kommen, einen anderen Lebensabschnitt anzugehen und es eben auch um das eigene Umgehen damit geht und die Verantwortung nicht einfach bei den anderen, zum Beispiel Ärzten und Pflegenden liegt. Ein Prozess mit vielen kleinen Schritten und Wechselwirkungen - und ganz selten dem „jetzt und sofort“ und dann ist alles anders und besser. Ein Prozess, der auch Mühe macht, der Entscheidungen fordert und mutige kleine Schritte nicht nur von den anderen, sondern zuerst von mir selbst.

Genauso braucht auch unsere ganze Gesellschaft diese Klarheit. Es gibt nicht den einen Tag, ab dem alles besser wird. Mit der Wahl vor drei Wochen haben wir nicht unsere Verantwortung komplett an die Politiker abgegeben. Wir brauchen den Prozess der Umkehr, der Veränderung, des mutigen Gestaltens und Aufbrechens aus Bequemlichkeit und vermeintlichen Zwängen. Naturgesetze können nicht barmherzig sein und Geduld haben mit unserer Trägheit. Wir brauchen jetzt den Einstieg in Veränderungen und nicht mehr das Abwarten. Wenn wir verstehen, was falsch gelaufen ist, dann kann es uns befreien, Schritte zu gehen, viele kleine Schritte, persönlich, national, europäisch und weltweit.

Als Christen glauben wir, dass Veränderung möglich ist. Wir zehren von einer Tradition, die sagt: Umkehr ist möglich zur Rettung des Lebens. Sie fällt nicht vom Himmel. Aber der Himmel eröffnet uns Chancen, Verantwortung wahrzunehmen. Gott sei Dank!

Ulrich Paulsen, Pfarrer am Johanniter-Krankenhaus Genthin - Stendal